

Du kennst das Gespräch.
Die Lehrerin bittet dich zum Elterngespräch und sagt: „Ihr Kind rutscht ständig auf dem Stuhl herum, kann sich kaum konzentrieren." Vielleicht kam danach die Empfehlung: Kinderarzt, Ergotherapie, Abklärung auf ADHS.
Und du denkst dir: Ich erlebe das zu Hause genauso. Aber warum eigentlich?
Dein Kind kämpft nicht gegen dich. Sein Körper kämpft für sich.
Wenn ein Kind auf dem Stuhl zappelt, rutscht, kippelt und einfach nicht zur Ruhe kommt – dann ist das selten eine Frage des Wollens. Es ist fast immer eine Frage des Könnens.
Dahinter steckt oft der Spinale Galant-Reflex – ein frühkindlicher Reflex, der schon im Mutterleib entsteht und dem Baby hilft, sich durch den Geburtskanal zu bewegen. Bis zum sechsten bis neunten Lebensmonat sollte er sich integrieren, also ruhig werden.
Wenn er das nicht tut, passiert etwas Unerwartetes im Schulalltag: Die Berührung der Stuhllehne am Rücken löst eine automatische Körperreaktion aus. Das Becken dreht sich, das Kind rutscht weg, rückt vor, dreht sich – und findet keine ruhige Position.
Nicht aus Unkonzentriertheit. Sondern weil sein Nervensystem gerade auf Autopilot geschaltet hat – auf ein Muster aus der Säuglingszeit. Stunde für Stunde, Tag für Tag.
Stell dir vor, wie viel Energie das kostet. Energie, die zum Denken und Lernen einfach fehlt.
Erkennst du dein Kind hier wieder?
Ständiges Rutschen und Kippeln auf dem Stuhl – vor allem beim Anlehnen
Starke Abneigung gegen engen Hosenbund, Gürtel oder Kleidung am Rücken
Konzentrationsprobleme, obwohl das Kind sich offensichtlich bemüht
Kurzzeitgedächtnis-Probleme – Aufgaben sind nach Sekunden wieder vergessen
Manchmal: Bettnässen, obwohl das Kind tagsüber längst trocken ist
Kein Kind zeigt alle diese Zeichen gleichzeitig. Aber wenn zwei oder drei davon zutreffen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Zwei Dinge, die du schon heute verändern kannst
Der Spinale Galant-Reflex reagiert auf Berührung – deshalb hilft es, den Alltag bewusst anzupassen:
1. Kleidung ohne Druck am Rücken. Kein enger Hosenbund, kein Gürtel beim Lernen. Das klingt klein – kann aber einen spürbaren Unterschied machen.
2. Bewegung vor dem Stillsitzen. Krabbeln, Robben, Wälzen auf dem Boden – das sind keine Rückschritte, sondern gezielte Impulse für das Nervensystem. Fünf Minuten davon vor den Hausaufgaben kann den Unterschied machen.
Was steckt wirklich dahinter?
Der Spinale Galant ist nur einer von mehreren Reflexen, die den Schulalltag von Kindern still und leise beeinflussen. Es ist immer ein Zusammenspiel – nie nur ein einzelner Reflex, nie nur ein einzelnes Symptom.
Wenn du verstehen möchtest, was in deinem Kind neurobiologisch passiert, habe ich gerade ein Elternwissensbuch zu frühkindlichen Reflexen in Arbeit – praxisnah, ohne Fachchinesisch, mit konkreten Hinweisen für zu Hause.
Einen ersten Eindruck bekommst du schon jetzt: Mit meinem kostenlosen Reflex-Quiz kannst du beobachten, welche Reflexe bei deinem Kind möglicherweise noch aktiv sind – 45 Fragen aus dem Schulalltag, Sofort-Auswertung, komplett anonym. Keine Anmeldung, keine Datenspeicherung.
Im nächsten Artikel erkläre ich, was frühkindliche Reflexe überhaupt sind – und warum sie so lange unbemerkt bleiben.

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