Meine Hand tut weh\" — wenn Schreiben zur täglichen Qual wird

Hausaufgaben. Dein Kind sitzt da, hält den Stift wie ein Werkzeug das es bezwingen muss — Knöchel weiß, Zunge raus, die ganze Schulter hochgezogen. Nach zehn Minuten: „Meine Hand tut weh."

Du siehst es. Du glaubst es. Und gleichzeitig weißt du: Es sind noch zwei Seiten übrig.

Vielleicht wurde schon gesagt, dein Kind solle mehr üben. Oder es hält den Stift einfach falsch. Oder es ist nicht konzentriert genug. Aber wenn du ehrlich bist: Es übt. Es versucht es. Und es wird trotzdem nicht besser.

Was kaum jemand in Betracht zieht: Schreiben ist eine der komplexesten Körperleistungen, die wir von Kindern verlangen. Und manche Körper sind dafür noch nicht bereit — nicht weil das Kind zu wenig leistet, sondern weil zwei frühkindliche Reflexe noch aktiv sind, die eigentlich schon längst in den Hintergrund getreten sein sollten.


Zwei Reflexe, eine Qual

Der ATNR — der Asymmetrisch-Tonische Nackenreflex — kennen viele Eltern schon aus dem Lese-Artikel. Er entsteht im Mutterleib, hilft bei der Geburt und sollte sich bis zum sechsten Lebensmonat integrieren.

Was er beim Schreiben anrichtet, wenn er noch aktiv ist: Jedes Mal wenn dein Kind den Kopf leicht dreht — zum Heft, zur Tafel, zum Lehrer — reagiert der Arm automatisch. Er streckt sich, die Schulter zieht hoch, die Hand verkrampft. Das Kind kämpft nicht gegen Unlust. Es kämpft buchstäblich gegen seinen eigenen Körper.

Der zweite Reflex ist weniger bekannt: der Palmar-Reflex — der Greifreflex der Hand. Du kennst ihn vom Neugeborenen: Berühre die Handfläche, und das Baby schließt die Finger sofort fest darum. Ein wunderschöner, uralter Überlebensreflex.

Bis zum zweiten bis dritten Lebensmonat sollte er sich integrieren. Wenn nicht, bleibt die Hand unbewusst im Greifen verhaftet. Der Stift wird zu fest gehalten, nicht weil das Kind es so will, sondern weil die Hand noch im alten Muster steckt. Die Finger ermüden nach Minuten. Schreiben tut wirklich weh.

Und dann ist da noch etwas Überraschendes: Der Palmar-Reflex ist mit dem Mund verbunden. Wenn die Hand unter Spannung ist, macht der Mund mit — die Zunge kommt raus, der Kiefer verkrampft, manchmal knirschen Kinder nachts mit den Zähnen. Das ist kein Zufall. Das ist Neurologie.

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